Dokumente zu HCH der AGU

Denkmäler und Mahnmäler

Denkmäler sind Orte, an denen an etwas erinnert wird, über das es sich lohnt, nachzudenken. Industriedenkmäler sind solche, die im Zusammenhang mit industrieller Tätigkeit stehen. Sie sollen daran erinnern, dass und wie industrielles Tun unser Leben verschönert oder erleichtert und uns Wohlstand beschert hat. Hier wird die sogenannte Industriekultur gepriesen, weil Kultur halt nicht nur Malen und Musizieren sein soll, sondern auch industriellem Tun der Aufkleber "Kultur" gebührt und sie dadurch auch ein wenig adeln soll.

Mahnmäler sind hingegen Orte, die an Fehlschläge und an Dinge erinnern, die man besser gar nicht und jedenfalls nicht so machen sollte wie sie mal gemacht wurden. Wir in Hessen sind reich an Industrie, aber ebenso reich an solchen Industrie-Mahnmalen. Mahnmale sind selten in Touristenbüchern verzeichnet, manchmal erinnert nicht mal ein Schild daran, dass man hier an einem Mahnmal vorbeispaziert. Wie auch: nix worauf man sonderlich stolz sein könnte, eben nur ein mehr oder weniger gigantischer Fehlschlag.

An einem solchen Mahnmal ohne Beschilderung kommen Sie vorbei, wenn sie mit dem Zug den Darmstädter Hauptbahnhof in Richtung Frankfurt verlassen. Nachdem der Zug den Güterbahnhof passiert hat, kommt das Werksgelände der Weltfirma Merck AG. Und direkt an der Bahnlinie liegt ein begrünter Riesenhaufen. Nein, hier fahren die Darmstädter Buben (und Madeln) im Winter weder Ski noch Schlitten, obwohl der Haufen geradewegs so aussieht, als ob er just dafür geschaffen worden wäre.

Nein: unter dem Haufen schlummern viele Tonnen giftiger Chemie-Abfall. Was heißt hier schlummert? Er tut rein gar nix, das Herumliegen macht das Gift weder giftiger noch auf zauberhafte Weise irgendwie ungiftiger. Es ist auch nicht sonderlich wasserlöslich, so dass es auch mit der Zeit nicht langsam verschwindet, weil es vom Sickerwasser weggewaschen wird. Es liegt einfach nur so herum. Wie lange noch? Keiner weiß es, und keiner will das wissen. Auch die Merck AG nicht. Die beobachtet den Haufen regelmäßig, misst und repariert, wenn mal was abrutscht, und gibt den einen oder anderen Euro dafür aus, dass das alles stets den behördlichen Auflagen zum Schutz der Umwelt und des Grundwassers erfüllt. Und: solange es die Merck AG geben wird, solange wird der Haufen da noch schlummern. Da die mittlere Lebensdauer von Aktiengesellschaften irgendwo zwischen 50 und 100 Jahren liegt und wegen der Experimentierfreude der betriebswirtschaftlichen Zunft eher im Sinken begriffen ist, dürfte der Haufen auch noch Kinder und Kindeskinder beschäftigen. Lehre #1: Haufen sind keine Lösung, sie kosten nur immer mehr Geld und graue Haare.

Was uns das Mahnmal so alles lehrt? Produzierst Du ein Insektenvernichtungsmittel, das neben den bösen auch die guten Insekten radikal mit abtötet, ist das nicht als sonderlich nachhaltig zu bezeichnen. Dein famoses Produkt föllt Dir irgendwann auf die Füße, und Du kriegst das Verstreuen irgendwann sowieso verboten. Spätestens wenn auch die dümmsten Bauern (das sind die mit den dicksten Kartoffeln) merken, dass sie ihre Obstbäume nach dem Streuen Deines Produkts nun mühsam von Hand bestäuben müssen. Versuche es gar nicht erst: dass die Bienen diese mühsame Kleinarbeit auf Futtersuche quasi nebenbei mit erledigen, hat man auch schon lange gewusst, bevor die allererste Tonne deines Insektenvernichters das Licht der industriellen Welt erblickte. War also gar kein Versehen und "Habe ich damals so nicht gewusst!", war einfach nur doof und ziemlich ignorant von Anfang an. Lehre #2: Produziere Zeugs erst gar nicht, das Du nicht mal in Deinen eigenen Garten verstreuen willst, wenn Du noch alle vernünftigen Sinne beieinander hast. Sozusagen eher "Unkultur" als "Kultur".

Was uns das Mahnmal Haufen auch noch lehrt: produzierst Du viele Tonnen eines Zeugs, von dem nur ein verschwindend kleiner Bruchteil sich für den eigentlichen Zweck eignet, kriegst Du ziemlich große Abfallhaufen. Der ganze unbrauchbare Rest Deiner Produktion muss dann irgendwo hin. Das kannst Du nicht einfach irgendwo auf das Betriebsgelände ablegen und nach dem Motto "Kommt Zeit, kommt Rat" handeln. Es kommt definitiv kein Rat, es kommen nur immer größere Haufen, mit denen Du nix anfangen kannst und wirst. Schon deswegen nicht, weil sich das Zeug wegen seines üblen Geruchs nicht mal als Klostein eignet. Lehre #3: Bemühe Deinen Hirnkasten, bevor Du Haufen häufelst. Fällt Dir nix ein, wie Du das Dilemma löst: lasse es besser. Gedankenlosigkeit ist eher "Unkultur" als Kultur.

Was uns das Mahnmal auch noch lehrt: man muss schon Himmel und Hölle mobilisieren, um das Chlor wieder aus seiner immens festen Bindung zu Kohlenstoff herauszukriegen. Das hast Du auch schon vorher gewusst, bevor Du das Chlor auf das Benzol gehetzt hast und es dabei auch noch mit Licht ein wenig schärfer gemacht hast. Wenn es dann dran ist am Kohlenstoff, will es gar nicht mehr weg. Und schon gar nicht im Schutze Deines Haufens. Da macht es rein gar nix. Wenn Du also irgendwann mal Gelände brauchst, und es gibt kein freies Plätzchen mehr auf Deinem Werksgelände, musst Du an den Haufen ran, ob Du nun willst oder nicht, und musst dem Kohlenstoff wieder das Chlor nehmen, sonst wird das alles nix. Dass dabei nix Vermarktbares herauskommt außer dreckiges Kochsalz, das nicht mal als Viehfutter taugen wird und das es sauberer und wohlfeiler aus Bergwerken gibt, wird dieses Unterfangen als imensen Zuschuss in Deine Bilanz eingehen lassen. Der schöne Gewinn aus Deiner Vermarktung des Produkts in den Fünfziger und Sechzigern des letzten Jahrhunderts wird sich in Luft auflösen, und das Aufräumen dieser Reste der "Industrie-Unkultur" wird teurer als die damalige Gewinnspanne werden. Da haste dann den Salat: die Rechnung ohne den Abfall gemacht, und reingefallen. Lehre #4: Mache die Bilanz immer mit allem, was es kostet, einschließlich Aufrämen und Restebeseitigung. Milchmädchenrechnungen waren noch nie ehrlich und sind keine gute Basis, eine Produktion darauf aufzubauen. Also war das Unterfangen auch ökonomisch ein Schuss in den Ofen.

Dokumente zum HCH von der AGU

HCH steht für Hexa-Chlor-Cyclohexan. Die AGU hat in 1979 hierzu einen Bericht veröffentlicht, der hier zugänglich ist:

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